
Ich habe mir ein Google Nexus 7 bestellt (seit Anfang dieser Woche ganz offiziell über den deutschen Play Store möglich). Mein erstes Android-Gerät! Nachdem ich mich als alter Apple-Fanboi jahrelang über Android und Android-Fans lustig gemacht habe, wollte ich das auch mal ausprobieren – nicht zuletzt auch, weil mir, wie vielen anderen in diesen Tagen, Apple immer weniger sympathisch wird (und nein, nicht wegen des Samsung-Urteils. Dazu vielleicht an anderer Stelle mehr.) Außerdem wollte ich ein kleines Tablet zum Lesen; mit dem Kindle bin ich nie warm geworden, da ich mindestens genau so viel Lesestoff aus dem Web beziehe, wie ich eBooks lese, und für so etwas war mir der Kindle einfach viel zu statisch.
Ich habe nun einen Tag mit dem neuen Gerät und dem mir komplett neuen Betriebssystem verbracht und möchte ein paar Worte darüber verlieren.
Für die Lesefaulen eine Zusammenfassung: das Gerät ist super (vor allem für den Preis), das Betriebssystem sehr gut, die meisten zur Verfügung stehenden Apps grauenvoll. Wenn Apple im Herbst tatsächlich ein iPad Nano vorstellt und es weniger als 300 Euro kostet, werde ich mir sofort und ohne Zögern eins bestellen und das Nexus 7 wahrscheinlich wieder verkaufen.
Das Gerät
Zuerst einmal die Hardware. Das Nexus 7 ist – vor allem gemessen am relativ niedrigen Preis – ein wirklich tolles Ding. Der Screen ist fantastisch, das Gerät fühlt sich wertig an, lässt sich sehr gut in den Händen halten, auch in nur einer.
Nur zwei kleine Dinge haben mich von Anfang an genervt: die drei vorhandenen physischen Buttons – Power + Lautstärke – sind so klein und fitzelig, dass sie mit den Fingern nur vage zu erfühlen sind. Außerdem finde ich es schade, dass sich der USB-Port, über den das Gerät auch aufgeladen wird, an der unteren Kante befindet; wenn man das Gerät benutzen und es gleichzeitig aufladen will, stört das Kabel sehr. Und nein, das Gerät zu drehen hilft hier leider nicht, da das Android-Dashboard auf dem Nexus 7 ausschließlich im Portrait Mode laufen und sich nicht einmal auf den Kopf stellen lassen will.
Ein noch schwerwiegenderes Problem der Hardware ist möglicherweise der Akku; ich hatte nicht den Eindruck, dass dieser zu zufrieden stellenden Laufzeiten kommt, aber so richtig werde ich das wohl erst nach ein paar Wochen beurteilen können. Gefühlt bewegt sich die Laufzeit eher bei der meines iPhones als bei der (sehr langen) meines iPads, was mich etwas enttäuscht.
Aber alles in allem beeindruckt mich das Gerät als solches ziemlich; für ein Nicht-Apple-Gerät ist es sehr nah dran an dem, was man von Apple gewöhnt ist.
Das Betriebssystem
Wie oben bereits angekündigt handelt es sich beim Nexus 7 um mein erstes Android-Gerät. Natürlich hatte ich zu Android auch vorher schon Kontakt über Geräte von Freunden und Kollegen, Online-Videos und die SDK-Dokumentation, insofern wusste ich grob, auf was ich mich einlasse.
Wahrscheinlich kann man mit nur ein paar Textparagraphen den umfangreichen Unterschieden zwischen Android und iOS nicht gerecht werden, dabei mag ich es an dieser Stelle bei einer groben Zusammenfassung belassen: Android ist (mittlerweile) ein sehr solides, flottes Betriebssystem für mobile Geräte, das einige Dinge teils deutlich besser hinbekommt als iOS; vor allem das Tippen auf der Android-Tastatur hat mir dank der sehr viel sinnvolleren Korrekturvorschläge mehr Spaß gemacht, und Tippen tut man ja schon das eine oder andere Mal.
Alles in allem ist mir aber jetzt schon klar, warum ich iOS so mag und ich wahrscheinlich immer ein iOS-User bleiben werde: die Fülle an Optionen und Funktionen von Android ist die meiste Zeit einfach nicht notwendig und macht das Gerät an vielen Stellen komplizierter zu bedienen, als es sein müsste. Für Technik-Freaks stellt das natürlich kein Problem dar, aber wie Carlo bereits sagte: seiner Mutter würde er kein Android-Gerät kaufen. Das fasst es ganz gut zusammen.
iOS zeichnet sich nunmal durch den bewussten Verzicht auf viele Funktionen und Einstellungsmöglichkeiten aus. Für Leute, die gerne alles mögliche einstellen und konfigurieren wollen, ist das natürlich ein Nachteil; allerdings wird hier oft der Denkfehler gemacht, diesen Umstand als Ergebnis von Inkompetenz seitens Apple auszulegen, wobei es sich in den allermeisten Fällen um reine Designentscheidungen handelt. (Man denke nur mal an die unheilige “iOS kann ja nicht mal Multitasking”-Debatte. Huiuiui.)
In Android kann man quasi jeden Pups konfigurieren. Wem das gefällt oder gar wichtig ist, wird es iOS natürlich vorziehen, aber ich bin nicht so jemand, aber dazu gleich mehr.
Die Apps
Kommen wir nun zum traurigen Kapitel: die für Android zur Verfügung stehenden Apps. Ja, es gibt die eine oder andere lobenswerte Ausnahme, aber was man unter Android in der Regel an Apps präsentiert bekommt, geht auf keine Kuhhaut. Ich hatte mich ja schon darauf eingestellt, dass Apps unter Android eine ganze Spur abenteuerlicher als iOS sind, aber ich hatte ja keine Ahnung!
Fairer Weise sollte ich an dieser Stelle anmerken, dass auch hier die kulturellen Unterschiede zwischen den beiden Plattformen deutlich wird. Ich respektiere die Tatsache, dass es Menschen gibt, die jeden noch so popeligen Aspekt ihrer Software konfigurieren können wollen und dafür in Kauf nehmen, dass diese nicht immer toll aussieht; Menschen, deren größter Albtraum es ist, sich den Vorgaben des Entwicklers (oder gar des Geräteherstellers) hinzugeben. Menschen, die es generell nicht mögen, wenn jemand anderes Entscheidungen für sie trifft. Es wundert mich gar nicht, dass diese Menschen iOS (und Apple) nicht mögen, und ich will auch nichts weiter über sie sagen.
Bis auf dass ich so jemand eben nicht bin. Wenn ich die Wahl habe zwischen einer App, die von Anfang an gut aussieht und funktioniert (und Spaß macht), ohne dass ich sie konfigurieren muss, und einer App, der ich erst einmal per Konfigurationsorgie die frickelige Natur austreiben muss, werde ich mich immer für erstere entscheiden.
Ich mache das mal als Beispiel an den zur Verfügung stehenden Twitter-Apps fest, denn die sind alle ausnahmslos der blanke Horror. Am Ende bin ich bei der durchwachsenen offiziellen App gelandet, weil sie die am wenigsten schlimme war, aber… meine Güte. Schaut euch zum Beispiel mal Plume an, das mir von mehreren Android-Fans als die beste Twitter-App für Android angepriesen wurde. Wer Apps wie Tweetbot oder das schlichte, aber in seiner Schlichtheit wieder sehr schicke und vor allem extrem funktionale Echofon gewohnt ist, dem wird beim Anblick der Plume-Screenshots das kalte Kotzen kommen. “Aber es ist alles konfigurierbar, probier's doch mal aus”, hieß es auf Twitter. Tatsächlich kann man in Plume sogar die einzelnen Farbwerte von z.B. Links anpassen (mit RGB-Slidern, haha)! Ich finde das nicht nützlich, sondern bizarr, zumal sogar mit diesen sehr detaillierten Einstellungsmöglichkeiten die App einfach nicht so umzugestalten ist, dass sie Spaß macht.
Der übliche Konter von Android-Fans ist an dieser Stelle “Funktion über Form! Euch Apple-Fanbois ist doch nur Design wichtig, dabei können eure Apps kaum etwas. Euer Telefon hat ja nicht mal echtes Multitasking, haha!” Übersetzung: “wir haben halt nichts besseres, seufz”.
Ich fürchte, Schuld an der miesen durchschnittlichen Qualität von Android-Apps ist auch, dass es unter iOS bekannter maßen einfacher ist, mit Apps Geld zu verdienen, weswegen viele fähige Entwickler sich auf die Apple-Plattform konzentrieren. Ich war überrascht, wie viele Android-Apps kostenlos zur Verfügung standen und von Leuten gebaut wurden, die einfach nur eine coole Android-App bauen wollten, oder vielleicht eine, die sie selber brauchten; finde ich super, aber wenn jemand in seiner Freizeit zum Beispiel einen Twitter-Client baut, wird er einfach nicht die selben Möglichkeiten wie ein Team haben, das darauf bauen kann, dass es mit seiner Arbeit Geld verdienen wird. Ja, es gibt wie immer Ausnahmen, aber ich fürchte, Qualität bewegt sich in der Regel dort hin, wo auch das Geld ist.
Fazit
Dies soll kein Review sein, sondern lediglich ein Erfahrungsbericht nach einem Tag Nutzung des neuen Geräts. Kann ich es empfehlen? Eigentlich schon, wenn man kein iPad erwartet oder will. Wer Apple eh scheiße findet, wer intensiv mit Google verdrahtet ist oder wer einfach nur irgendein kleines Tablet zum Lesen o.Ä. haben möchte, macht mit einem Nexus 7 nicht viel falsch.
Aber, und das möchte ich noch einmal betonen: es ist kein iPad Nano. Und das kommt aller Wahrscheinlichkeit nach rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft auf den Markt und wird sich dank der massiv besseren iOS-Apps in einer komplett anderen Liga bewegen und locker die bessere Wahl sein, solange man bereit ist, sich Apple und der an Apple hängenden Entwicklungskultur hin zu geben.