Alt und riecht komisch
Wie ich erst keinen Kindle wollte, dann doch einen kaufte, mich dann irgendwie unwohl fühlte, den Kindle wieder verkaufte und letztendlich noch einen kleinen Grund fand, warum ich echte Bücher bevorzuge.
Neulich habe ich mir einen Kindle gekauft. Und wenig später wieder verkauft. Ich, der sich seit Jahren so gut wie keine CD gekauft hat, weil er es albern findet, wenn ein paar Hundert MB Daten auf einer Plastikscheibe quer durch die Welt geschickt werden. Der sich jedes Mal ärgert, wenn der Gang zur Videothek länger dauert, als die Zeit, die es gebraucht hätte, den Film über meine Breitband-Internet-Anbindung zu übertragen. Der, wenn er sich um das Weltgeschehen informieren will, dies im Bus auf dem iPhone tut, nicht mit einer Zeitung in der Hand.
Zu verkaufen: 1x Kindle (aktuelles Modell ohne Tastatur oder 3G) und 1x Kinect. Meldet euch.
— Hendrik Mans (@hmans) December 13, 2011
Ja, neulich verkaufte ich meinen Kindle wieder, denn bei Büchern ist das bei mir seltsamer Weise komplett anders. Ich hatte schon eine Weile meine Zweifel, ob ich Spaß daran haben würde, sie komplett digital zu konsumieren. Am Ende siegte die Neugier, ich kaufte den Kindle, und es machte mir tatsächlich keinen großen Spaß. Und bis heute kann ich noch nicht genau sagen, warum (was mich nicht davon abhielt, bereits an anderer Stelle darüber zu bloggen). Ich glaube, es liegt irgendwie daran, dass man etwas tut, was mehr offline nicht sein könnte, aber trotzdem einen kleinen Computer in den Händen hält. Hm.
Eines der ersten (und, naja, wenigen) elektronischen Bücher, die ich mir während meiner Kindle-Phase kaufte, war Gary Shteyngarts “Super Sad True Love Story”. Mal abgesehen davon, dass es wirklich fantastisch gut ist (ehrlich! Lest es!), war das ein großer Fehler; denn ausgerechnet dieses in der nahen, komplett durchdigitalisierten und trotzdem nicht besonders großartigen Zukunft angesiedelte Buch hat einen Protagonisten, der mit besagter Zukunft nicht gut klar kommt, alles Neue den jungen Leuten überlässt und als einer von wenigen immer noch Bücher toll findet. Alte, komisch riechende Bücher. Vor dem ersten Date parfümiert er vorsichtshalber sein Bücherregal, man weiß ja nie, und hasst sich etwas dafür.
Und dann sitzt man da und liest so ein Buch… auf einem Kindle. Leute! Wenn es mit der Welt bergab geht, war das möglicherweise allein mein Verdienst.
Nachdem ich den Kindle verkauft hatte (@halfbyte scheint damit sehr viel mehr Spaß zu haben), wunderte ich mich, wie ich das Buch nun weiter lesen würde (den Kindle verkaufen und dann auf dem iPad weiter zu lesen, das wäre ja albern, das geht doch nicht). Ich erzählte meiner Freundin von meiner Absicht, wahrscheinlich einfach noch einmal die Taschenbuchausgabe zu kaufen. Heute schenkte sie mir genau diese zu Weihnachten. Hurra! (Wann habt ihr zuletzt ein Kindle-Buch geschenkt bekommen?)
Die Kapitel in “Super Sad True Love Story” sind Auszüge aus den Tagebüchern des Protagonisten Lenny und seiner Flamme Eunice, einer Anfangzwanzigfrau, die Lennys Altbackenheit gleichzeitig süß und doch irgendwie abstoßend findet, und sowieso voll digital und connected drauf ist. Lenny will nur auf sie aufpassen, sie beschützen, sie lieben. Eunice will nur nicht die Sonderangebote bei AssLuxury verpassen.
Und siehe da, im gedruckten Buch findet sich ein hübsches Detail wieder, das dem Leser auf dem Kindle verborgen bleibt: Lennys und Eunices Tagebucheinträge sind in unterschiedlichen Schriftarten gedruckt. Eunices ohne Serifen, Lennys mit.
